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Gewaltfreie Kommunikation mache ich nicht mit anderen. Ich mache sie mit mir: Warum viele das falsch verstehen

Gewaltfreie Kommunikation mache ich nicht mit anderen. Ich mache sie mit mir: Warum viele das falsch verstehen

Die Teilnehmenden in meinen Workshops kommen immer wieder mit einer ähnlichen Vorstellung von der Gewaltfreien Kommunikation (GFK): „Ich möchte ein Tool, mit dem ich Konflikte lösen kann.“ „Ich möchte ein Werkzeug, mit dem ich Gespräche souveräner führe.“ „Ich möchte mit der GFK erreichen, dass mein Gegenüber das, was ich sage, nicht mehr so persönlich nimmt.“

Und genau hier zeigt sich ein Missverständnis darüber, was GFK eigentlich ist - und was sie vor allem nicht ist. Die GFK ist kein weiteres Tool, das mir hilft, richtig zu sprechen. Sie ist vielmehr eine Haltung, aus der heraus ich spreche und mit der ich mit anderen Menschen ins Gespräch und in Verbindung gehe. Die Methode der GFK selbst - die vier Schritte - unterstützt mich dabei, in dieser Haltung zu bleiben oder überhaupt erst dorthin zu finden.

Das erwartet dich in diesem Artikel:

  1. Haltung macht den Unterschied
  2. Haltung ist nicht Methode
  3. Der Haltungscheck
  4. Von der Haltung ins Tun kommen

Haltung macht den Unterschied

Lass mich das anhand eines Beispiels aus meiner eigenen Erfahrung zeigen:

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs, fahre an zwei Frauen vorbei, die im Gespräch sind, und übersehe die Hundeleine, die eine der beiden in der Hand hält. Ich fahre mitten hinein und wir rumsen zusammen. Ein Tohuwabohu. Die Frauen, der Hund (am Ende der Leine) und ich sind alle erschrocken und reden aufgeregt durcheinander.

Von weitem kommt ein älterer Herr laut schimpfend näher. Ich bin zuerst überrascht und denke, die beiden Frauen haben sich schon genug erschreckt, die müssen jetzt nicht auch noch angemeckert werden. Bis ich merke: Er meint mich.

Der Unterschied zu früher

Das ist der Moment, in dem ich spüre, wie der Ärger kommt und langsam in mir hochsteigt. Angeheizt wird er von dem Gedanken: „Was bildet der sich ein, ich hab nichts falsch gemacht.“ „Und was mischt der sich überhaupt ein, geht ihn überhaupt nichts an.“ Früher wäre ich in einem solchen Moment entweder erstarrt und verstummt oder hätte einfach im gleichen Ton und in der gleichen Lautstärke zurückgepampt.

Heute bin ich nicht einfach ärgerlich, sondern kann eine Pause machen, wahrnehmen: da ist Ärger - und mich wieder auf den älteren Herrn konzentrieren. Denn der hatte offensichtlich gerade selbst Stress, was ich nur sehen konnte, weil ich mich nicht von meinem Ärger habe bestimmen lassen, sondern GFK mit mir gemacht habe. Ich bleibe ruhig und frage einfach nur: „Sie haben sich auch erschreckt, oder?“

Schlagartig entspannt er sich. Hört auf zu schimpfen und fängt an zu erzählen, wie anstrengend es gerade für ihn ist, mit seinem Hund spazieren zu gehen.

Gerade mal sechs Wörter haben gereicht, um eine angespannte Situation zu entspannen, und wir konnten miteinander statt gegeneinander reden. Auch wenn ich keine Beobachtung, kein Bedürfnis und auch keine Bitte ausgesprochen habe, war es trotzdem GFK.

Ich muss die vier Schritte nicht sklavisch in meinen Ausdruck bringen, um GFK anzuwenden und in der Haltung zu sein. Wenn die Haltung der GFK sitzt, braucht es das explizite Benennen gar nicht mehr - dann spricht sie von selbst aus mir heraus.

Haltung ist nicht Methode

Viele lernen die GFK als Werkzeug für den Umgang mit anderen. Vier Schritte, die man im Gespräch anwenden kann: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Klingt praktisch und auch noch einfach. Leider hört sich das in der Anwendung dann meistens roboterhaft an, nicht authentisch, wie ein Skript, das nicht zu einem passt.

Kein Wunder. Denn die vier Schritte sind nicht das, was die GFK im Kern ausmacht. Das Herzstück sind die Grundannahmen (zum Beispiel: „Jede Handlung dient der Erfüllung eines Bedürfnisses.“) und eine Haltung, die davon ausgeht, dass es viele Wahrheiten geben kann, die gleichzeitig nebeneinander stehen. Meine Wahrheit und deine Wahrheit. Kein Richtig und kein Falsch. Kein Besser und kein Schlechter. Kein „Recht haben“. Einfach nur meins und deins.

Wie das in der Praxis aussieht

Statt zu fragen: „Wer hat hier was falsch gemacht?“, fragt diese Haltung: „Wer braucht hier gerade was?“ Und das kläre ich erst einmal nur mit mir selbst. Was ich dafür brauche, ist ein Perspektivwechsel - weg von außen und hin zu dem, was mich und was vielleicht mein Gegenüber gerade bewegt.

Die vier Schritte sind das Werkzeug, mit dem ich diese Frage für mich selbst beantworte. Erst wenn ich weiß, was ich brauche und was in der konkreten Situation für mich ein guter, sinnvoller nächster Schritt ist, komme ich ins Tun und gehe - wenn ich das möchte - in den Kontakt mit dem Gegenüber.

Was ich in der Situation konkret sage, kann dann völlig frei sein und muss keinem Schema folgen. Die vier Schritte denke und prozessiere ich also nur innerlich - sowohl für die Frage „Was brauche ich?“ als auch dafür, was ich vermute, was du brauchst. Das, was ich dann ausspreche, passe ich der Situation und dem Kontext an, in dem ich mich gerade befinde. So wie ich es in meinem Beispiel gemacht habe: „Sie haben sich auch erschreckt, oder?“

Es geht hier nicht ums „richtige Sprechen“. Denn das wäre nicht die Haltung der GFK. Auch hier gilt: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Also auch kein Richtig oder Falsch, wie du deine Worte wählst. Das wäre Rhetorik, nicht GFK.

Der Haltungscheck

Manchmal ist es nicht so leicht zu merken, dass du noch in der Haltung des „Recht habens“ steckst. Sie ist nicht immer laut, sondern schleicht sich gerne leise von hinten an. Alte Gewohnheiten halt. Mir helfen zwei Fragen, um kurz bei mir einzuchecken und zu überprüfen, ob ich mich in der Haltung der GFK bewege:

„Was empfinde ich gerade der anderen Person gegenüber?“

Ist da noch Ärger, Enttäuschung, Genervtsein, gepaart mit Gedanken wie „Die ist total übergriffig.“, „Der ist respektlos.“, „Das kann man doch wohl erwarten.“, „Wenn er oder sie nur endlich einsehen würde, dass ...“, „Das muss ich mir nicht gefallen lassen.“, „Das macht man aber nicht.“ - so oder so ähnlich, dann sind das sichere Anzeichen dafür, dass ich noch in der Haltung des „Recht habens“ stecke, in der Haltung des Richtig- und Falschdenkens.

„Was ist gerade meine Absicht?“

Will ich wirklich in Verbindung gehen, verstehen, was bei dir los ist, und dir gleichzeitig verständlich machen, was bei mir los ist? Dann check: Ich bin in der GFK-Haltung. Oder versuche ich, mein Ding durchzudrücken, dich zu ändern, dich dazu zu bringen, mir recht zu geben oder einzusehen, dass du falsch liegst? Dann bin ich auch hier in der Haltung des „Recht habens“.

Wichtig: Wofür du dich entscheidest, mit welcher Haltung du in der Welt bist, bleibt am Ende natürlich dir selbst überlassen. Sei einfach bereit, die Verantwortung für deine Entscheidung zu übernehmen.

Von der Haltung ins Tun kommen

Mit dem vierten Schritt entscheidest du darüber, was jetzt zu tun ist. Was ist der nächste gute Schritt? Das ist radikale Eigenverantwortung. Du darfst um Unterstützung bitten, damit deine Bedürfnisse erfüllt werden. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung dafür bei dir, nicht bei anderen.

 

Ich habe mich in meiner Fahrradgeschichte dafür entschieden, nicht zuerst für mein Bedürfnis nach „Gesehen werden“ und „Fairness“ zu gehen, sondern für mein Bedürfnis nach „Empathie“ - um zu verstehen, was gerade bei meinem Gegenüber los ist.

Vielleicht erkennst du dich in der Fahrrad-Geschichte wieder. Im Ärger, der schneller da ist als der Gedanke, oder in dem kleinen Moment, in dem du den Ärger zum ersten Mal einfach nur wahrnimmst, statt in ihm zu verschwinden.

 

Mein Vorschlag: Arbeite zuerst an deiner Haltung. Die vier Schritte sind dabei deine Unterstützung, kein Ersatz. Besonders der erste Schritt, die Beobachtung, macht etwas Entscheidendes: Er vergrößert den Raum zwischen Reiz und Reaktion. Erst dieser Raum ermöglicht den Blick nach innen, statt reflexhaft loszupoltern, zu erstarren oder zu flüchten. Fight, Flight, Freeze - und, wie wir heute wissen, auch Fawn, also Anpassung um jeden Preis.

 

Es lohnt sich auch, deine eigenen wunden Punkte kennenzulernen. Was lässt dich aus der Haltung kippen? In welche der vier Reaktionen rutschst du am schnellsten? Diese Muster laufen oft blitzschnell ab. Sie bewusst zu machen, ist der erste Schritt, um sie aufzulösen.

 

Marianne

Empathisch leben - GfK Münster

Marianne Oshege

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